Michel Foucault

Macht nach Foucault
Körper nach Foucault

Arbeit, Leben und Sprache

in Die Ordnung der Dinge herausgearbeitet: An der Schwelle um 1800 – mit dem Ende der klassischen Formation der Wissenschaften – treten (in den bei Foucault exemplarisch untersuchten drei Disziplinen der ›Analyse der Reichtümer‹, der ›Naturgeschichte‹ und der ›Allgemeinen Grammatik‹) die Konzepte ›Arbeit‹, ›Leben‹ und ›Sprache‹ in den Vordergrund. Der dynamische Begriff ›Leben‹ ist dabei integrierend für den Diskurs der modernen Biologie (vgl. OD 307 ff.),

Leben und Tod nach Foucault

Leben und Tod nach Foucault

Der Tod in moderner klinischer Praxis

Die Geburt der Klink untersucht für den Bereich der Medizin, wie hier ebenfalls das Leben mit der Moderne in den Vordergrund tritt. In der klinischen Praxis verändert dies vor allem das Verhältnis von Tod und Leben: Die alte Transzendenz, die Quasi-Personalität des Todes verschwindet. Der Tod im Zeitalter des Lebens verwandelt sich in ein flexibles, hinausschiebbares (und potentiell reversibles) Lebensende.

Foucault zeigt dies an der Gewebephysiologie Bichats: Der Tod kann schon begonnen haben, während das Gewebe, die organischen Funktionen noch »leben« (GK, 156).

Macht nach Foucault

Problematik

Wie mir scheint, wird allzu oft, und zwar nach dem vom rechtlich-philosophischen Denken des 16. und des 17. Jahrhunderts vorgeschriebenen Modell, das Problem der Macht auf das Problem der Souveränität reduziert

Was ist Macht nacht Foucault?

Machtformen

2 Hauptformen der Macht über Leben

dem 17. Jh. entstehenden Machtprozeduren der Disziplinen, eine »politische Anatomie des Körpers«, und einen um die Mitte des 18. Jh.s sich herausbildenden Pol einer »Bio-Politik der Bevölkerung«,

2 Machttechniken in der Theorie der Gouvernementalität

In der Gründungsschrift der Theorie der Gouvernementalität [...] unterscheidet Foucault zwei Machttechniken: Die regulatorische Technologie des Lebens einerseits und die disziplinäre Technologie des Körpers andererseits (VL 1975/76, 293). Sie erlauben es, die Verzahnung von Einzelkörper und Gesellschaftskörper, von individueller Körperformierung und staatlicher Körperpolitik in den Blick zu nehmen, ohne sich der hegelianischen Dialektik, des historischen Materialismus oder der Psychoanalyse Jacques Lacans bedienen zu müssen (vgl. Dosse 1998, Bd. 2, 414–426; Gehring 2004, 94–96).

Produktive und Repressive MachtProduktive Negativität

Disziplinierung nach Foucault

Normalisierung nach Foucault

Körper im Zentrum der Macht

Was ist Macht nach Foucault

Macht nach Foucault

Zwischen jedem Punkt eines Gesellschaftskörpers, zwischen einem Mann und einer Frau, in einer Familie, zwischen einem Lehrer und seinem Schüler, zwischen demjenigen, der weiß, und demjenigen, der nicht weiß, verlaufen Machtbeziehungen, die nicht die schlichte und einfache Projektion der großen souveränen Macht auf die Individuen sind;

Allgemein glaube ich, dass die Macht sich nicht von (individuellen oder kollektiven) Willen her konstruieren und auch nicht aus Interessen ableiten lässt. Die Macht lässt sich von Mächten, von Mannigfaltigkeiten an Fragen und Machteffekten her konstruieren und funktioniert da heraus.

Der Staat ist nicht die Quelle!!!

Die Idee, die Quelle oder der Vereinigungspunkt der Macht sei der Staat, so dass von ihm Rechenschaft über sämtliche Disposi- tive der Macht zu fordern sei, scheint mir ohne große historische Fruchtbarkeit zu sein, oder sagen wir, ihre historische Fruchtbarkeit ist jetzt erschöpft. Das umgekehrte Vorgehen scheint derzeit reichhaltiger zu sein: Ich denke an Untersuchungen wie die von Jacques Donzelot über die Familie (er zeigt, wie die absolut spezifischen Machtformen, die innerhalb der Familien ausgeübt werden, dank des Schulbesuchs von allgemeineren Mechanismen staatlicher Art durchdrungen werden,

Produktive und Repressive Macht

Während der Begriff der Unterdrückung zu einer bestimmten analytischen Form der Entzifferung von Macht gehört, wird Macht bei Foucault nicht primär als eine Kraft beschrieben, die repressiv ist, Druck ausübt und zur Unterordnung zwingt, sondern Macht erscheint als produzierend, als das, was bildet und formt, wovon Individuen und ganze Bevölkerungen abhängig sind.

Warum nicht nur eine rein negative Machtauffassung?

Von einem bestimmten Moment an erschien mir dies unzureichend, und zwar im Verlauf einer konkreten Erfahrung, die ich seit den Jahren 1971-1972 bezüglich der Gefängnisse machen konnte. Der Fall des Strafwesens hat mich überzeugt, dass dies sich nicht so sehr in Gestalt des Rechts, sondern in Gestalt von Technologie, in Begriffen von Taktik und Strategie vollzog, und diese Ersetzung eines rechtlichen und negativen Rasters durch ein technisches und strategisches Raster habe ich in Surveiller et punir [Überwachen und Strafen] anzu 300 1977 bringen und dann in der Histoire de la sexualite [Sexualität und Wahrheit] zu verwenden versucht.

Produktive Negativität

Disziplinierung nach Foucault

In der modernen Gesellschaft

Macht nach Foucault, Panoptikum als Beispiel

Disziplin wird, so Foucault, zum allgemeinen Vergesellschaftungsmodus moderner, normativ integrierter Gesellschaften. Sie wirkt Rang ordnend und klassifizierend und sorgt für die (Re-)Integration der/ des Abweichenden in die Gesellschaft. Dem entspricht eine ›Mikrophysik der Macht‹, die mithilfe von Dressurtechniken am Körper nicht Male der Rache (wie die Folter des ersten Machttypus), sondern Spuren der Disziplinierung hinterlässt. Sie richtet sich auf den ›gelehrigen Körper‹ des einzelnen Individuums, der, in die kleinsten Details seiner Haltungen, Bewegungen und Gesten zerlegt, bis in die »Automatik seiner Gewohnheiten« (ÜS, 173) umgeformt und zu einem effektiven Kräftekörper zusammengesetzt wird.

[Das Gefängnis ist nur eine von] mehren Institutionen (Schule, psychiatrische Anstalt, Kaserne, Fabrik), in der die Disziplinarmacht den lebendigen Verhaltenskörper – und gerade das ›Leben‹ in ihm – produktiv zu machen sucht. Eine erste bedeutsame Form des Produktivmachens ist die Arbeit.

zweite Form des Produktivmachens von »Leben« entsteht als wohlfahrtsstaatliche Fortpflanzungspolitik und im Medium der für die Persönlichkeitsentwicklung für entscheidend erklärten ›Sexualität‹ (eine Errungenschaft des 19. Jh.s).

→ mehr dazu in: Der Wille zum Wissen (1976)

Biopolitik

Bio-Politik ist »die sorgfältige Verwaltung der Körper und die rechnerische Planung des Lebens« (WW, 167).

Unterscheidung zu Biomacht

Bio-Politik betrifft die Ebene der konkret zu beschreibenden Machttechniken (steht also auf gleicher Eben wie Selbsttechniken, Politik des Verbots, Disziplinartechniken etc.),
Bio-Macht ist eine Machtform, ein epochaler ›Machttyp‹ (gehört also in die Reihe anderer Machttypen: Juridische Macht, Disziplinarmacht) (Gehring 2006, 9 ff.).

Panoptikum

Verbindung zu Disziplinierung nach Foucault

Da die beobachteten Individuen sich zwar immer im Feld der Sichtbarkeit befinden und dadurch prinzipiell immer gesehen werden, selbst aber nicht sehen können, wer sie beobachtet, führt dies zur Antizipation und Imagination der Beobachter und damit zur Selbstdisziplinierung der Individuen. Das panoptische Machtmodell ist ein Modell sozialer Kontrolle, das letztlich ohne Kontrolleure auskommt. Es garantiert Regel- und Normenkonformität auf der Grundlage einer entindividualisierten, abstrakten Beobachtungsapparatur.

Normalisierung nach Foucault

Teil der Macht nach Foucault

Eine Sicherheitstechnologie im Zentrum der Machtintervention:

Sie erstellt die flexibel-dynamische Norm aus der empirischen Streuung von Merkmalen, die, statistisch nach dem Muster der Gauss’schen Normalverteilung angeordnet, durch – künstlich eingefügte – Zäsuren ein Feld der Normalität, der – unauffälligen – Standardabweichungen und der extremen Abweichungen bildet. Schließlich ergeben sich im Feld der Normalität darüber hinaus Optimalwerte, die einer möglichen Optimierung des Verhaltens der Individuen zugrunde liegen. Individuelle Freiheit misst sich an dieser Optimierung; sie findet ihre Grenze an den Sicherheitskalkülen der Gesellschaft und der Politik, die die Vielfalt immer wieder homogenisieren und in das Feld der Normalität integrieren. Dispositive der Macht erweisen sich so als Dispositive der Sicherheit (vgl. Bröckling u. a. 2000).

Körper nach Foucault

Zwei Aussagen sind für das Verständnis des (modernen) Körpers bei Foucault grundlegend:
1) Der Körper ist bis in seine Materialität ein Effekt strategischer Macht-Wissens-Praktiken und
2) Der Zugriff der ›Macht‹ (des ›Wissens‹, der ›Diskurse‹) auf den ›Körper‹ ist nicht allein repressiv, sondern produktiv.

Macht heißt, den Körper materiell zu formen und so das Subjekt als seelisch-leibliche Einheit zu gestalten;
Körper sein heißt, jenseits der Reflexionsschwelle als körperlich-seelisches Subjekt in den und durch die Technologien der Macht zu entstehen

Meine Suche geht dahin, dass ich zeigen möchte, wie die Machtverhältnisse materiell in die eigentliche Dichte der Körper übergehen können, ohne dass sie durch die Vorstellung der Subjekte übertragen werden müssen. Wenn die Macht den Körper trifft, so nicht, weil sie zunächst im Bewusstsein der Leute verinnerlicht wurde.

Köper anders sehen

Den anatomisch-biologischen Einzelkörper als einen Effekt strategischer Macht-Wissens-Technologien zu denken, bedeutet, ihn radikal und das heißt bis in seine materielle Erscheinung hinein zu historisieren und seine vermeintliche diskursive und kulturelle Vorgängigkeit als ein strategisches Spiel um Macht, Wissen und Wahrheit zu dekonstruieren.

Als Schauplatz diskursiver Praktiken und Regime sind materielle Erscheinungsform (Körper) und kulturelle Bedeutung (Subjektivität) durch jene Unvorgänglichkeit charakterisiert, die alles Diskursive auszeichnet.

Produktive Negativität (Körper und Macht)

Körper im Zentrum der Macht

In der Geschichte

[In Überwachen und Strafen (1976)] tritt die unhintergehbare, epistemologische Differenz zwischen der Bedeutung des Körpers im ›l’âge classique‹ und seiner Funktion im Kontext der politischen Ökonomie ab Mitte des 19. Jh.s. zu Tage:

Produktive Negativität

Nach Foucault

Der Zugriff der Macht (des Wissens, der Diskurse) auf den Körper besitzt in der Repression eine ihm eigene Produktivität. Mit diesem entscheidenden Gedankenschritt verlässt Foucault die Repressionstheorien seiner Zeit und gelangt zu einer grundlegenden Neukonzeption von Macht und Körper, die er als ›produktive Negativität‹ fasst. Negativität sind die Machttechnologien, weil sie sich des Verbotes, der Strafe, des Ausschlusses etc., d. h. der Negation des kulturell Positiven bedienen. Ihre Negativität ist jedoch produktiv, da sie das, was sie in ihren Praktiken negieren, durch eben diese zum Leben erwecken. Für den Körper des Individuums bedeutet dies, dass er nicht einfach ein der Macht unterworfenes Objekt darstellt, das in der Unterwerfung unter die Macht erschaffen wird (als Negativ des Positivs), sondern, dass er seine Unterwerfung/Hervorbringung in zahlreichen mikrophysischen Doubletten der Macht, als Inkorporation der Disziplin, des Diskurses, der Macht, des Wissens, der Wahrheit, wissentlich/unwissentlich und willentlich/ unwillentlich mit betreibt.

→ Das Individuum betreibt die Machtausübung aus sich selbst mit.

Insofern die Macht dem Körper nicht äußerlich ist, sondern ihn auskleidet, sind die alltäglichen kleinen Machtlinien, die zwischen Individuen verlaufen, nicht einfach Wiederspiegelungen oder Derivate der ›großen Macht‹ eines Staates, sondern das Netz, aus dem sich die ›große Macht‹ erhebt.

Körper im Zentrum der Macht

In der Geschichte

Die Formierung des Subjekts als Einheit aus Körper und Seele im Dispositiv von Macht/Wissen/Wahrheit ist mithin »die [erste] Bedingung der Möglichkeit [der Macht]« (DE III, 303). Diese Kurzformel erklärt, warum Foucaults Körperanalysen ab den 1970er Jahren wesentlich Theorien von Macht-, Wahrheits- und Wissenstechnologien sind; sie ebenen den Weg für die späteren Studien zur Gouvernementalität.

Genealogie

zur Grundlage des genealogischen Arbeitens erklärt (vgl. Dosse 1998, Bd. 2, 303-317). Diese sei nicht Suche nach den Ursprüngen, sondern Analyse der Manifestationen und Einschreibungen der Herkünfte in den Körper als materiellem Archiv der Geschichte:

Körper im Zentrum der Macht

Idee gegen die marxistische Abwertung des Körpers zugunsten der Ideologie

Denn wenn die Macht nur die Funktion hätte zu unterdrücken, wenn sie nur im Modus der Zensur, der Ausschließung, der Absperrung, der Verdrängung nach Art eines mächtigen Über-Ichs arbeiten, wenn sie sich nur auf negative Weise ausüben würde, dann wäre sie sehr zerbrechlich. Stark aber ist sie, weil sie positive Effekte auf der Ebene des Begehrens – und allmählich bildet sich ein Wissen davon – und auch auf der Ebene des Wissens hervorbringt. Die Macht ist weit davon entfernt, das Wissen zu verhindern, sie bringt es vielmehr hervor. (DE II, 937)

Das Wissen der Macht um den Körper ist für Foucault gleichbedeutend mit dessen materieller und symbolischer Erzeugung. Weil der Körper untrennbar eingewoben ist in die Verschränkung von Macht und Wissen, bestimmen diese ihn bis in jene inneren Bereiche, an denen das Subjekt denkt, ganz es selbst und bei sich zu sein. Es reicht mithin nicht länger aus, sich der Machtspiele bewusst zu werden, um sich ihr zu entziehen (hier trifft sich seine Kritik an Marx mit der an Freud), da die körperliche Positivität der entkörperlichten, »polymorphen, polyvalenten, indiskreten, nichtdiskreten, synkretistischen« Macht (DE II, 761) jedwede Durchbrechung qua Reflektion verhindert und ihr formierender Zugriff gerade in jenem Gebiet am nachhaltigsten wirkt, das gemeinhin als Ort höchster Privatheit gilt: Der Sexualität.

Sexualität nach Foucault

Wissen und Wahrheit. Ihr ist der erste Band Der Wille zum Wissen (1977) gewidmet, der die Erfindung des Sexualdispositivs im 19. Jh. untersucht. Entlang von vier Achsen – der Identifikation von ›Anomalien‹, der Hysterisierung weiblicher Lust, der Sexualisierung des Kindes und der Ökonomisierung der Fortpflanzung – beschreibt Foucault, inwiefern Individuen sich in ihren sexuellen Praktiken als individuell-kollektive Körper-Subjekte konstituieren (vgl. Gehring 2004, 91–94).

Sexualität im Christentum

Sexualdispositiv

(Praktiken, Techniken, Handlungen, mit denen sich Menschen über Sexualität definieren oder definiert werden)

im Abendland (Westeuropa)

Diese zwei Themen, dass jeder Lust der Sex zugrunde liegt, und dass die Natur des Sexes es will, dass er sich der Zeugung widmet und darauf beschränkt, sind keine an- fänglich christliche, sondern stoische Themen; und das Christentum war gezwungen, sie aufzunehmen, sobald es sich in die staatlichen Strukturen des Römischen Reiches einfügen wollte, dessen quasi universale Philosophie der Stoizismus war. Der Sex ist damit zum Gesetzbuch der Lust geworden. Im Abendland war (anstatt wie in den mit einer ars erotica ausgestatteten Gesellschaften, in denen die Intensivierung der Lust eine Desexualisierung des Körpers anstrebt) diese Kodifizierung der Lust durch die Gesetze des Sexes letztlich der Anlass für das gesamte Dispositiv der Sexualität.

dies lässt uns glauben, dass wir uns befreien, wenn wir jede Lust als Ausdruck eines endlich aufgedeckten Sexes de- kodieren. Wo man doch eher nach einer Desexualisierung, nach einer allgemeinen Ökonomie der Lust streben muss, die nicht sexuell normiert ist.

Sexualität im Christentum

Influence of the Roman Empire

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im Gegensatz zur Antike bestimmte das Christentum die Beherrschung und nicht die Kultivierung der Sexualität als oberste Pflicht der Selbstsorge: Selbstsorge wurde nicht länger als die Sorge um den Körper einschließlich seiner Lüste begriffen, sondern als die Sorge um die Wahrheit, die sich in ihm und in seinem Begehren verbirgt.

Die christliche Selbstsorge galt mithin der Kontrolle und Erfassung der sexuellen Lüste, für die die mittelalterlichen Diätetiken ein ganzes Regime von Praktiken zur sexuellen Gesundheit des Körpers errichten: »Die für sexuelle Lüste empfohlene Diät scheint gänzlich auf den Körper gerichtet zu sein [...]. In gewisser Weise gibt der Körper dem Körper das Gesetz« (SS, 175).

Phänomen der Bekenntnis

So wird bezüglich der Buße stets betont, das Christentum sanktioniere dadurch die Sexualität, gestatte nur gewisse Formen und bestrafe alle anderen. Doch muss man, glaube ich, ebenso festhalten, dass es im Innern der christlichen Buße Bekenntnis gibt, ergo das Geständnis, die Gewissensprüfung, und dadurch einen ganzen Wissens- und Redefluss über den Sex, der eine ganze Reihe theoretischer Wirkungen (zum Beispiel die große Analyse der Lüsternheit im 17. Jahrhundert) und praktischer Wirkungen (eine Pädagogik der Sexualität, die im Weiteren laizisiert und medizinisiert worden ist) zur Folge hat.

Foucaults Influence on Feminism and Gender and Queer Studies

Foucault, Feminism,

Die wohl stärkste, wenn auch strittigste Resonanz hatte Foucault zunächst in der feministischen Theoriebildung, die in der radikalen Diskursivierung von ›Gender‹ und ›Sex‹ einen Angriff auf das feministische Emanzipationspotential und eine Fortschreibung männlicher Dominanzparadigmen sah (vgl. Ramazanoglu 1993; Lorey 1996). Maßgeblich infolge dieser Auseinandersetzung um Foucaults Diktum der Diskursivität alles Leiblichen, inklusive des körperlichen, sexuellen Begehrens, bildeten sich in den 1990er Jahren die Gender- und Queer Studies (s. Kap. 92) heraus

Judith Butler Specifically

Indem Butler Foucaults Postulat, ›die‹ Macht produziere mittels Diskursen ›die‹ Materialität des Körpers als ›Sex‹ und ›Gender‹ in einer Weise, die diese Produktion gleichzeitig verschleiere und die solcherart hervorgebrachte Materialität als natürlich und den Diskursen vorgängig erscheinen lasse, auf die vermeintliche Geschlechterbinarität rückbezieht, entlarvt sie Genus und Sexus gleichermaßen als materielle Effekte immaterieller Machtpraktiken. Für Butler ist der entscheidende Effekt diskursiver Wahrheitsproduktion nicht nur der Körper in seiner Materialität, sondern die Tatsache, dass dieser Körper immer und unhintergehbar sexuell markiert ist.

Reaction

Die Reaktion auf Butlers Foucault-Rezeption war eine erregte Kontroverse über die fälschlicherweise an Foucault rückgebundene Entmaterialisierung des Körpers (z. B. Benhabib/Butler/Cornell 1993; jüngst verstärkt Barad 2012), auf die Butler mit einer partiellen Reetablierung einer ›prädiskursiven‹ Materialität des Körpers antwortete, die mit Foucaults Körperbegriff allerdings nicht mehr ohne weiteres vereinbar ist (Butler 1993; Butler 2004).

Foucaults Position zu Alles ist Politisch

Michelle Focault

Sagt man, »alles ist politisch«, so behauptet man damit diese Allgegenwart der Kraftverhältnisse, und dass sie einem politischen Feld immanent sind; doch erlegt man sich damit die noch kaum umrissene Aufgabe auf, dieses endlose Durcheinander aufzudröseln. Eine solche Analyse darf man nicht durch eine individuelle Schuldzuweisung nivellieren (sowie man es insbesondere vor einigen Jahrzehnten in dem sich selbst geißelnden Existentialismus praktizierte; Sie kennen das: Jeder ist verantwortlich für alles; es gibt kein Unrecht in der Welt, an dem wir im Grunde nicht mitschuldig sind); doch ebenso wenig darf man über eine dieser Verschiebungen ausweichen, die man heute gern praktiziert: Das alles leitet sich von einer Ökonomie der Ware oder von der kapitalistischen Ausbeutung oder ganz einfach von dieser verfaulten Gesellschaft ab

Was damit machen?

auch die Strategien müssen erfunden werden, die es ermöglichen, zugleich diese Kraftverhältnisse zu verändern und sie auf eine Weise zu koordinieren, dass diese Veränderung möglich wird und sich in die Wirklichkeit einschreibt. Damit ist das Problem nicht so sehr das, eine politische Position zu definieren (was uns auf eine Wahl auf einem bereits bestehenden Schachbrett zurückführt), sondern neue Schemata der Politisierung auszudenken und hervorzubringen. Wenn das Politisieren darin besteht, auf Wahlmöglichkeiten, auf ganz und gar fertige Organisationen und auf all jene Machtverhältnisse und mechanismen zurückzuführen, die die Analyse freilegt, dann ist es nicht der Mühe wert. Den großen neuen Machttechniken (die den multinationalen Ökönomien oder den bürokratischen Staaten entsprechen) muss eine Politisierung entgegengesetzt werden, die neue Formen haben wird.